Graue Haare

Graue Haare

 1

Neulich wurde ein Kind geboren, das hatte graue Haare. Das ist insofern berichtenswert, weil gewöhnlicherweise bei der Spezies Mensch (zu der das Kind gehörte) graue Haare erst auftreten, wenn das Individuum mindestens ausgewachsen ist. Noch gewöhnlicherweise treten sie erst auf, wenn die adulte Lebensphase einigermaßen vorangeschritten ist. Sie gelten dann als Zeichen für Weisheit und Erfahrung, um es dem Träger im wahrsten Sinne des Wortes erträglich zu machen, dass die Kolorierung des Kopfes nun edelmetallig ist, obwohl man sich das Edelmetall doch in anderweitiger Form gewünscht hatte.

Eigentlich aber, das haben neueste Forschungen ergeben, haben graue Haare gar nichts mit Weisheit zu tun. Zumindest nicht direkt. Vielmehr reichert sich – ähnlich wie Silber im Gestein – das Grau am Schopf an, wenn der Mensch viel Stress hat. Einerseits terminlicher Stress, den sieht man den Betroffenen am Kalender an. Andererseits aber auch interner Stress, Stress im Menschen selbst. Dieser ist insofern tückisch, als dass man diesen, der sich wohl am besten mit „Kummer haben“ oder „Sich Sorgen machen“ beschreiben lässt, schnell übersieht, obwohl er keinesfalls vernachlässigenswert ist. Wahrscheinlich verdient er sogar wesentlich mehr Aufmerksamkeit, als sie der terminliche Stress alltäglich bekommt.

Bei dem zuvor beschriebenen Neugeborenen kann man davon ausgehen, dass sich der terminliche Stress in den letzten Monaten in Grenzen gehalten hatte. Mit dem Mehrzellig werden, dem Herausbilden von Augen, Ohren und Nase, dem Rückbilden von Kiemen und Schwanz, sowie der Entwicklung von Gliedmaßen und Glied (Ja, unser Säugling ist ein Junge) standen zwar eine Menge Aufgaben an, doch hatte er dafür neun Monate Zeit gehabt. Das war so ausreichend Zeit, dass er sich die letzten Monate eigentlich nur noch mit Wachsen beschäftigt hatte. Wachsen und Sorgen machen. So eine Gebärmutter ist nämlich kein so abgeschotteter Raum, wie man vielleicht denken mag. Die Wände sind dünn und der Grund, warum es im beschriebenen Fall zur graubesprießten Geburt kam. Während sich gewöhnliche Föten nämlich neben dem Wachsen allerhöchstens noch mit dem Daumenlutschen, Treten sowie Wenden beschäftigen, hörte unser Exemplar gespannt und mit zunehmend sorgenvoller Miene zu, was dort draußen vor sich ging.

Einerseits war dort viel Getöse. Andererseits waren dort die Stimmen. Das Getöse hatte eine allgemein eher beunruhigende Wirkung, denn das Kind reifte nicht in einem stillen Dorf heran, sondern in der Geräuschkulisse einer Stadt. Die gehörten Stimmen waren zuallererst die der Mutter, aber auch die vom Vater sowie von Arzt und Hebamme waren zu hören. Und noch zahlreiche weitere Stimmen, die nicht auf eine klare Funktion definierbar waren, aber alle Meinungen und Prognosen zu dem bevorstehendem Leben abgaben. Was an sich nicht verwerflich war, reagierte seine Mutter doch stets sehr gelassen und resolut. Aber wie schon erwähnt, werden Kummer und Sorgen oftmals übersehen. Muttern war nämlich keineswegs gelassen. Nur zeigte sie das lediglich dem Vater, wenn die beiden abends in scheinbarer Zweisamkeit beieinander waren. Dann berichtete sie ihm, was in den kommenden Jahrzehnten so alles passieren könnte. Und unser Ungeborener hörte mit und wenn Mutter nach beruhigenden Worten des Vaters eingeschlafen war, schwamm der Kleine anschließend im Fruchtwasser daher und dachte über das Gesagte nach. Er fand es äußerst erstaunlich, dass überhaupt noch Menschen lebten bei der Vielzahl an Krankheiten, die außerhalb des Mutterleibes grassierten. Dies war nur dadurch zu erklären, dass es unglaublich viele Menschen geben musste, auf die sich Krankheiten mit Namen wie Lungenpest dann verteilten. Wobei die Gefahr der Lungenpest vom Vater mit einem „Nun wirst du aber unrealistisch“ heruntergespielt wurde. Da er aber noch ein „Das sind doch nur deine Hormone“ nachschob, führte die realistische Einschätzung seinerseits nicht zur Einsicht ihrerseits. Stattdessen wurde es zunächst sehr laut und dann sehr still. Mutter musste noch da sein, das lag in der Natur der Sache aber war Vater jetzt weg und Kind mit Mutter allein, wie sie es schon mal befürchtet hatten? Endlich hörte er das Schnarchen des Vaters und konnte diese Sorge vorerst ad acta legen und sich dem Grübeln über das Risiko der Lungenpest (Was, wenn die wirklich wiederkommen würde?) und dieser Hormone widmen. Diese Hormone schienen ähnlich berüchtigt zu sein, wie diese „Drogen“. Dass diese dem Kinde im Leben über den Weg laufen könnten, hatte Muttern auch Angst. Zwischenzeitlich hatte sich der Junge dazu entschlossen, an der bevorstehenden Niederkunft gar nicht erst teilzunehmen, sodass der Geburtstermin ungeschehener Dinge verstrich. Als seine Verweigerung die Sorge der Mutter aber noch verstärkte, revidierte er seinen Entschluss und gab sich ihr zuliebe dem Geburtsvorgang hin. Da waren die grauen Haare dann aber schon da. Es war nicht zu verleugnen oder mit ungünstig fallendem Licht zu begründen: Das Kind war schlicht und komplett grauhaarig. Die Mutter fühlte sich in allen Befürchtungen bestätigt. Wenn es denn schon so losging, das Leben, was könnte dann noch alles passieren?

2

Nach dem ersten Schock beruhigte man sich und die Situation um die sonderbare Kopfbedeckung verlor allmählich ihren spektakulären Charakter. Mutter nannte ihren neuen Liebling „mein Silberkind“ und Vater – nun ins zweite Glied gerutscht – war der festen Überzeugung, dass aus diesem seinem Kind, bei dieser Veranlagung, ein Professor werden würde, was er bei jeder Gelegenheit auch zu Protokoll gab. Der Graubekrönte hörte sich dies alles an, empfand dabei aber eine gewisse Art von Druck auf seinen kleinen Schultern. Was, wenn er den hohen Erwartungen des Vaters nicht gerecht werden würde? Die diffuse Zuschreibung der Mutter, dass er aus Edelmetall sei, tat dazu ihr Übriges. Er ließ sich zwar nichts anmerken und schien allzeit mit der Ausführung von Körpergrundfunktionen beschäftigt, doch innerlich machte er sich große Sorgen, was das nur werden solle in den nächsten Jahrzehnten. So konnte sich keine Pigmentbildung im Haarwuchs einstellen, die Haare blieben grau.

Immerhin machte ihn der, durch die Kosenamen entstandene, innere Druck zu einem eifrigen Kerlchen. Nach einem kurzen Abwägen, ob es sich lohnen würde, den Kopf durch aufrechten Gang in eine unnötig weite und potenzielle Sturzhöhe zu bringen, dafür aber massiv an Fluchtgeschwindigkeit bei möglichen Gefahren zuzulegen, erlernte er schnell das Laufen. Ebenso das Sprechen, darin sah er nur Vorteile.

Trotz der Gefahren, die andere Menschen mit sich bringen (Lungenpest, Hormone, Drogen) musste er bald in den Kindergarten gehen. Das musste ja so kommen, erklärte er sich das. Mutter verlor nun das Interesse an ihrem Silberkind, das eben doch nur aus Silber war und nicht aus Gold. Dabei hatte er sich doch alle Mühe gegeben, aber nun saß er allein im Sandkasten und blickte stumm auf die eingerahmte Wüste und die kommenden Jahrzehnte, die er nun ohne Mutter würde bestreiten müssen. Die anderen Kinder, die scheinbar seine Mitstreiter für das mutterlose Leben sein würden, spielten gedankenlos auf dem Klettergerüst. Er lehnte das ab. Die durch das Gerüst entstehende, unverantwortliche Fallhöhe war ihm eine zu große Gefahr, für die es keine plausible Begründung gab. Sein Kopf war bereits durch den aufrechten Gang gefährlich weit über dem Boden. So weit, dass er sich noch würde Gedanken machen müssen, wie er das rapide Längenwachstum seines Körper würde einschränken können. Eine seiner Mitstreiterinnen nutzte seine bodenbehaftete Situation und gab ihm ihren Ball in Obhut, während sie sich auf dem Gerüst betätigte. Er unterstützte ihr Vorgehen, stellt ein Ball auf einem Klettergerüst doch eine unnötige Gefahr dar. Und um die kommenden Jahre im Sandkasten zu überstehen, durfte es unter den Mitstreitern nur wenig Verluste geben. Nicht an Mitstreitern und auch nicht an Bällen, denn die würden durchaus noch wichtig sein, um die Gruppe bei guter Laune zu halten. So war er durchaus stolz, dass er der Wächter des Balls sein durfte. Auch wenn aus diesem, ihm entgegengebrachten Vertrauen, nun auch – zusätzlich zur Sorge um sich selbst – die Sorge um den Ball erwuchs.

Überraschenderweise kam Muttern wieder zurück zum Kindergarten. Zusammen mit Vater. Beide hatten nach diesem Tag ohne Kind eine ungewohnt gesunde Gesichtsfarbe. Die Gedanken darüber mussten aber zunächst hintenanstehen, war das Kind unter den grauen Haaren erstmal mit dem Gefühl der Erleichterung erfüllt, dass es das restliche Leben nun doch nicht allein bewältigen muss. So erleichtert war er, dass sich in der folgenden Nacht tatsächlich ein paar Farbpigmente in die Haare einlagerten. Davon merkte jedoch niemand etwas, denn schon am nächsten Tag saß er wieder als Mutterloser am Rand des Spielplatzes und trug die Sorge für den Ball.

Mit seiner ausgeprägten Sorgsamkeit schuf er sich alsbald den hervorragenden Ruf der Zuverlässigkeit. Er war der Hüter, der darauf achtete, dass alles noch so ist, wie es war, wenn die anderen von ihren Abenteuern heimkamen. Die gingen zwar selten weiter als 50 Meter aber es waren dennoch 50 Meter potenzieller Gefahren. Auch in der Schule behielt er diese Rolle bei. Das Mädchen, das ihm einst den Ball in Obhut gab, gab ihm nun in der Pause die Jacke zur Betreuung und bald taten die anderen Mitschüler es ihr gleich. So wurde er Wächter der Jacken und Ranzen, während die anderen sich beim Fangespielen die Knie aufschlugen. Eine weise, wohl kalkulierte Entscheidung, wie er sich still selbstlobte, wenn jemand humpelnd zu seiner Jacke zurückkam. Außer das besagte Mädchen kam humpelnd wieder. Dann überwog die Sorge um sie die Zufriedenheit über die eigene Vorsicht und die grauen Haare wuchsen wieder etwas schneller.

Ebenso stieg für den kleinen Jungen die Verantwortung bei den Eltern daheim. Trotz aller Risiken war die Mutter das Wagnis einer weiteren Schwangerschaft eingegangen, an deren Ende eine Schwester für das Silberkind stand. Ein unbekümmertes, blondbelocktes Wesen. Immer wenn der Vater wegging, trug er dem Jungen auf, er möge bitte auf die Mädchen aufpassen. Und der Junge antwortete pflichtbewusst „Mach ich.“ und dachte eigentlich „Oh Gott, nicht das auch noch.“ Es wurde also nicht weniger an Sorgen, sodass das Haar weiterhin grau wuchs, was mittlerweile kaum noch einer bemerkte, so sehr hatte man sich daran gewöhnt, dass im Stadtbild ein Kind mit grauen Haaren umherlief, das immer erstaunlich viele Jacken und Taschen trug.

Der Junge wuchs heran und so kam bald eine weitere Sorge, das Mädchen betreffend, das ihm damals den Ball gab, hinzu. Es wich ihm selten allzu weit von der Seite und blieb eigentlich immer in Sichtweite. Selbstverständlich nur, wenn es gesellschaftlich nicht anders vorgesehen war, denn die Nachtruhe war immer noch bei den jeweiligen Eltern einzuhalten. Aber wenn sich die Gelegenheit ergab – und das war oft – fanden beide es gut, den anderen in der Nähe zu wissen. Und so kam es schleichend, dass der Grauhaarige einerseits den Wunsch hegte, ihre Hand zu halten. Andererseits aber entwickelte sich die Sorge über die mögliche Reaktion, wenn er es wagen täte, ihre Hand zu nehmen. Glücklicherweise wuchs der Wunsch schneller als es die Sorge tat, sodass er es eines Tages wagte, was sie mit einem abgeklärtem „Geht doch.“ kommentierte. Eine Reaktion, die er wenige Jahre später auch erhoffte, als ihm Händchenhalten nicht mehr reichte und er ihr auch mal einen Kuss geben wollte. Gleichzeitig zur Hoffnung bestand aber auch die Befürchtung, dass sie nicht geduldig auf seinen Entschluss wartete, sondern einen Kuss gar nicht erst in Erwägung zog. Immer wieder gab es stille Momente, in denen er eine Gelegenheit sah aber das Risiko so lange abwog, bis der stille Moment vorüber war, bevor der Abwägungsprozess abgeschlossen war. Manchmal war die Abwägung auch rechtzeitig abgeschlossen, dies aber negativ. An diesen besonders zaghaften Tagen war die Furcht zu groß, dass er mit dem Kussversuch alles kaputt machen würde. Nicht mal Händchen halten würde sie dann noch wollen. Sie, die sich so beständig an seiner Seite gezeigt hatte. So beständig, dass er sie nicht mehr verlieren wollte. Denn Beständigkeit, das mochte er.

Jahre später konnten sich beide nicht mehr genau erinnern, wie sie verbal reagiert hatte. Damals, als er sich endlich traute, ihr einen Kuss zu geben. Sie wusste, dass sie ihm direkt nach dem Kuss beinahe eine Ohrfeige gegeben hätte, weil er sie hatte so lange warten lassen. Schließlich war auch sie nicht völlig frei von Zweifeln und hatte hochspekulativ andere Jungs in der Hoffnung fortgeschickt, dass ihr grauhaariger Liebling sich noch überwinden würde. Er wusste, dass sie wieder sowas wie „Geht doch.“ gesagt hatte. Was genau, das war schwierig zu rekonstruieren, denn mit der Zeit kam es zahlreich zu diesen Situationen, in denen er sorgenvoll abwog und sie stolz und geduldig wartete. Aber immer ging es voran mit den beiden. Auch wenn er so nie eine Chance auf Farbe im Haar hatte.

Man denke nur zum Beispiel mal an die vielen wichtigen Entscheidungen, die in so einem Leben zu treffen sind. Wie das Ja-Wort und Kinder kriegen oder auch die Berufswahl. Diesbezüglich: Er wurde schlussendlich in hochrangiger Position bei einem Versicherungsunternehmen tätig. Zuvor gab es auch Überlegungen, die Karriere als Hüter im Sandkasten bei der Polizei fortzusetzen. Die Risiken, die dort aber schon allein mit Westen gegen Kugeln sowie Schilden und Schlagstöcken gegen energische Demonstranten zur Schau getragen werden, ließen ihn dann aber doch zurückschrecken und einen Bürojob anstreben. Dazu kommen im Leben eines Menschen noch so vermeintlich leichte Entscheidungen wie Urlaubsziele oder gar Auslandsstudienorte. Entscheidungen, die auch ein erhöhtes Risiko bezüglich exotischer Krankheiten mit sich zogen. Aber immer zog sie ihn mit und er passte auf, dass ihr nichts passierte.

So gingen die Jahre ins Land, es wurde geheiratet, es kamen Kinder, ein Haus wurde gebaut und ein Pflegeheim für die Eltern ausgesucht. Viele Gelegenheiten, sich Sorgen zu machen und graue Haare zu bekommen. Aber Letzteres betraf ihn all die Jahre nicht. Denn graue Haare hatte er ja schon.

3

Jahrzehnte später, das Silberkind war nun Pensionär, saß er mit ihr auf der Terrasse. Die Sonne schien, die Luft war warm, Vögel zwitscherten, man kann also getrost von einer sorgenfreien Idylle sprechen. Da blickte er zu ihr und sagte: „Weißt du, eigentlich hätte man sich gar nicht so viele Sorgen machen müssen.“

Und damit hatte er gar nicht so Unrecht. Was nicht weiter verwunderlich war, schließlich hatte er sich diesen Satz reiflich überlegt und lange abgewogen, ob er ihn laut sagen sollte. Immerhin war dies ja auch eine Aussage, mit der sie seinen Sorgen noch jahrelang würde begegnen können. Doch das sollte gar nicht mehr nötig sein. Weder starb jemand an der Lungenpest, noch fielen seine Kinder oder Enkel Drogen zum Opfer. Und so kam es dann auch, dass mit der Erkenntnis, dass man sich nicht viele Sorgen zu machen braucht, auch seine Haare ihr grau verloren und er im hohen Alter auf einmal blond wurde.

Nur schlecht – das betont er stets – waren die Sorgen und damit einhergehenden grauen Haare aber auch nicht. Wer weiß schließlich, was passiert wäre, wenn das Mädchen damals den Ball nicht bei ihm in Obhut gegeben hätte, sondern nur irgendwo sorglos abgelegt hätte. Er wäre möglicherweise geklaut worden. „Nicht auszudenken, was dann passiert wäre.“